Predigt über Psalm 139, 1-10HERR, du erforschest mich und kennest mich. Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne. Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege. Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge, das du, HERR, nicht schon wüsstest. Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir. Diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch, ich kann sie nicht begreifen. Wohin soll ich gehen vor deinem Geist, und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht? Führe ich gen Himmel, so bist du da; bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da. Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.
Psalm 139, 1-10
Über Jahrhunderte hinweg haben die alten Gebete und Lieder der Bibel ihre Kraft bewahrt. Das gilt in besonderer Weise auch für den 139. Psalm, dessen ersten Teil (Verse 1 – 10) der zuständige Ausschuss unseres Partnerkirchenkreises in Bloemfontein / Südafrika als Bibeltext für den diesjährigen Partnerschaftssonntag vorgeschlagen hat.
In ihrer elementaren und bildhaften Sprache nehmen die Psalmen auch heutige Menschen hinein in das, was den Beter vor langer Zeit bewegte. Seine Freude wird zu meiner Freude, seine Angst zu meiner Angst. Seine Angefochtenheit ist meine Angefochtenheit, und sein Trost wird mein Trost.
Wir müssen schon den ganzen Psalm lesen, um der Lebenssituation des Beters auf die Spur zu kommen. Am Anfang und am Ende des Psalms berichtet er davon, wie er von Gegnern seines Glaubens in schwere Gefahr gebracht worden ist, und dass er sich deshalb im Tempel unter Gottes Rechtschutz gestellt hat. Dort erlebt er die Symbole der Gegenwart und die Nähe Gottes: die Bundeslade mit den Geboten, den Altar mit den Heiligen Schriften.
Während des Gebets im Tempel schaut er in Gedanken das Buch des Lebens, in dem alles über ihn verzeichnet ist, auch dass er Rettung erfahren wird. In dieser Lage spricht der Beter intensiv mit Gott. Er redet nicht über ihn, wie es die Überschriften unserer Bibeln tun, wenn sie schreiben: „Gott der Allmächtige und Allwissende.“
Das Ergebnis seines Meditierens bringt der Beter in die Gemeinschaft mit anderen Gläubigen im Tempel, die es aufnehmen und weitergeben. Gott kennt mich durch und durch. Er ist die alles umfassende Wirklichkeit meines Lebens. Er verhilft mir zu meiner Identität.
Wir können davon Ausgehen, dass diese Glaubenserfahrung, wie im 139. Psalm geschildert, unsere Partner in Bloemfontein bewogen hat, diesen Text für den diesjährigen Partnerschaftssonntag vorzuschlagen.
Unter den vielen Herausforderungen, denen sich beide Länder - Südafrika und Deutschland – nach ihrem Umbruch zu stellen haben, rückt eine Frage wieder in den Vordergrund: Hat die Identitätskrise des modernen Menschen darin ihren Grund, dass er Gott verloren hat und darum sich selbst nicht mehr findet?
Der Beter des 139. Psalms weiß sein Leben, seine ganze Existenz gehalten und getragen von seinem Schöpfer, dem er dafür in einem Bekenntnislied mit vier Strophen dankt:
- Gott, du kennst mich durch und durch (1-6).
- Gott, vor dir kann ich nicht fliehen (7-12).
- Ich danke dir, dass du mich geschaffen hast (13-18).
- Ich verlasse mich auf deinen Beistand (19-24).
Nimmt man solche Sätze aus ihrem Zusammenhang hinaus, können sie in einer Welt totalitärer Überwachungssysteme einen falschen Klang bekommen. Menschen erleben es als bedrückend oder unterdrückend, überall und zu jeder Zeit durchschaut, abgehört und überwacht zu sein. Der „große Bruder“ sieht alles, hört alles und weiß alles. Für viele ist es nicht erst eine Vision, ist es Realität, aller Menschenwürde beraubt zu sein.
Aber genau dagegen stellt der Beter seine Glaubenserfahrung – die der umfassenden Gegenwart und Nähe Gottes, die ihm hilft, seine Menschenwürde und Freiheit wieder zu gewinnen.
Was der Psalmist als Verheißung nur ahnen konnte, das ist uns in Jesus Christus zur Gewissheit geworden. Gott hat uns in ihm sein Herz aufgetan und seine Liebe gezeigt in allen Lebenslagen. Er meint es gut mit uns und mit anderen. Er möchte, dass wir Gemeinschaft miteinander pflegen in Kirchengemeinden und Kirchenkreisen. Seine Gegenwart und Nähe lösen nicht Ängste aus, sondern gewähren Zuflucht und Geborgenheit. Amen.
Pastor i.R. Dr. Henrich Scheffer
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